Friday, November 18, 2016

Die Überfahrt

Es begann mit einer recht eigentümlichen Lieferung, die ein Kollege dem Seigneur zukommen ließ. So waren wir beide zunächst ratlos, als ein paar Herren ein ganzes Fass voller schmackhafter Zitrusfrüchte anlieferten. Den Anlaß für diese Aufmerksamkeit erfuhr ich erst zwei Wochen später. Es waren wohl Berichte über merkwürdige Phänomene auf einer Insel in der Neuen Welt namens Guadeloupe eingetroffen, und der Seigneur wurde ausgewählt, diesen nachzugehen, bestimmt aufgrund seiner herausragenden Tüchtigkeit. Ich freute mich immens für ihn, dass ihm eine solche Ehre zuteil würde, aber er wirkte etwas verschnupft bei dem Thema. Als er mir dann auch noch in seinem gewohnt bedeckten Tonfall eröffnete, dass neben einer Auswahl seines Kommandos auch ich ein Teil dieser Expedition sein durfte, sprang mein Herz voller Vorfreude, und ich machte mich eifrig an die Vorbereitungen.

Ich erfuhr aus den Büchern, dass es dort rund ums Jahr warm und fruchtbar sein sollte, ein malerisches Eiland von üppigem Pflanzenwuchs und allerlei Wundern der Schöpfung, umgeben von klarem Wasser. Zwischen uns und dem Ziel würde eine weit über einen Monat dauernde Seereise liegen, die gewiss auch für sich ein interessantes Abenteuer sein würde.

Und so kam es dann auch. Uns blieben nur ein paar Tage, noch letzte Vorbereitungen zu treffen, dann machten wir uns auf die Reise ans Meer, wo wir uns einschiffen sollten. An Bord herrschte eine gewisse Enge und Intimität, die etwas befremdlich wirkte. Zum Glück hatten Marie und ich die Möglichkeit, einen kleinen eigenen Bereich abzutrennen. Und so begann die Reise, mit Höhen
und Tiefen, langwierig, aber doch nicht langweilig, und ich hatte die Möglichkeit, viele Impressionen, zunächst der Küstenlinie, später der offenen See, als Stickereien zu verewigen. Die Versorgung war ausreichend, und dank des Obstes phasenweise durchaus schmackhaft.

Wo andere Reiseteilnehmer meine Begeisterung nicht teilten, war ihnen die Überfahrt natürlich weitaus unbequemer. Aber natürlich stieg zum Ende der Reise auch bei mir die Vorfreude, unser Ziel zu erreichen. Und letztendlich kam der große Tag, an dem das Schiff an seinem Bestimmungsort anlegte. Es war ein besonderes Gefühl, wieder auf festem Boden zu stehen, und die kleine Siedlung in malerischer Umfeld zu betrachten, in der Menschen unterschiedlichster Herkünfte ihrem Tagwerk nachgehen konnten. Verglichen mit der offenen See war es hier allerdings doch recht schwül.

Der Seigneur wurde von einem wohlgekleideten Herrn begrüßt, der sich als der örtliche Gouverneur vorstellte, ein wohlhabender und erfolgreicher Mann. Er wirkte auf mich allerdings etwas getrieben und engstirnig, und führte ein recht straffes Regiment, frei von väterlichem Langmut. Gewiss eine irrige Einschätzung meinerseits Um über diese sündhaften und beschämend negativen Gedanken bald hinwegzukommen, würde ein Spaziergang durch die kleine Siedlung sicher helfen. Und mit dem Wohlwollen des Seigneurs könnte ich vielleicht auch erste Bande mit den Einheimischen knüpfen und mich etwas an die örtlichen Sitten anpassen.

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